Schweinegrippe? Schützt uns lieber vor den Milchbauern

Gerd Sonnleitner (links) Präsident des Deutschen Bauernverbands

Gerd Sonnleitner (links) Präsident des Deutschen Bauernverbands

Eins muss man den Milchbauern lassen: Sie wissen wie man medienwirksamen, lautstarken und nervtötenden Protest organisiert. In grenzüberschreitenden Streiks und Protestaktionen, verbarrikadierten sie die Zufahrten zu Molkereibetrieben, vergossen unglaubliche vierzig Millionen Liter ihrer Milch auf Felder, und schütteten ungezählte weitere Liter medienwirksam zu künstlich angelegten Milch-Seen auf. Schier endlose Traktor-Korsi legten mehr als einmal die komplette Berliner Innenstadt lahm und einige Bäuerinnen versuchten gar die Kanzlerin mit Hungerstreiks davon zu überzeugen, dass die Politik wieder für „faire“ Milchpreise eintreten müsse. In einer Aktion im Rahmen der Agrarministerkonferenz in Eisleben im September 2009, kippten sie kurzerhand mehrere zehntausend Liter Milch vor das Kloster Helfta, dem Tagungsort der Konferenz. Die Milch gelangte dann über die Kanalisation in den benachbarten Teich und sorgte dort für ein Massensterben der darin lebenden Fische. Allein der Tod der Goldfische, die in diesem Teich lebten, verursachte einen Schaden von rund 10.000 Euro. Aber wen interessieren schon eine Tonne toter Fische und ein paar aufgebrachte Mönche, wenn es um einen „fairen“ Milchpreis geht?

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Man muss die Kuh von hinten aufzäumen. Oder: ein kurzer Rückblick…

Die Kampfbereitschaft der Milchbauern zeigt wie schwierig deren Lage ist. Und in der Tat kann man problemlos beobachten, dass sich der Preis pro Liter Milch seit Herbst 2007 von 40 Cent auf heute gerade einmal 24 Cent erheblich verringert hat.

Doch Fakt ist, und da helfen auch alle Proteste, Milchseen, Fischmorde und Hungerstreiks der Milchbauern nichts: Die europäischen Bauern produzieren ganz schlicht und einfach viel zu viel Milch, die nicht benötigt wird.

Das Problem ist –und man muss kein BWL-Professor sein um dies zu erkennen-, dass der Markt nun einmal auf Angebotsüberschüsse mit fallenden Preisen reagiert. Da dies die Bauern allerdings nicht zu interessieren scheint, fordern sie weiterhin ungeniert einen „fairen“ (?) Milchpreis von 40 Cent pro Liter. Doch das ist noch lange nicht alles, was die Milchbauern fordern. So kämpfen sie außerdem für die Beibehaltung der Milchquote, die den Bauern im Moment noch Produktions-Obergrenzen vorschreibt, um das Angebot künstlich knapp zu halten und somit ein gewisses Preisniveau sichern soll. Nach jahrelangen Verhandlungen konnte die EU sich jedoch darauf verständigen diese Quote Jahr für Jahr anzuheben und schließlich im Jahre 2015 ganz auslaufen zu lassen. Die Aufhebung der Höchstmenge, die produziert werden darf, könnte allerdings dazu führen, dass riesige Milch produzierende Unternehmen entstehen, die kleineren Höfen keine  Chance am Markt lassen könnten. Dieser Fakt ist gewiss nicht von der Hand zu weisen.

In Bezug auf die Milchquote ist jedoch noch weiterer Fakt von großem Interesse. Noch vor zwei Jahren setzte sich der Deutsche Bauernverband nämlich lautstark für die Abschaffung eben jener Milchquote ein, die jetzt um jeden Preis beibehalten werden soll. Vor zwei Jahren sah die Lage der Milchbauern nämlich etwas anders aus. Die explodierende Nachfrage nach Milch aus den Schwellenländern, führte zu explodierenden Preisen, die wiederum beim deutschen Konsumenten heftige Schmerzen im Portemonnaie verursachten. In Zeiten in denen ein Päckchen Butter im Discounter stolze 1,09 € kostete (heute: 85 Cent) wurden die Milchquoten, die übrigens v.a. von deutschen Bauern immer wieder überschritten wurden (und zwar ohne nennenswerte Konsequenzen) als Hemmnis für die wirtschaftliche Entwicklung der Milchbauern gebrandmarkt. Im Zuge der weltweiten Wirtschaftskrise (in der die Chinesen scheinbar ihre Lust auf deutschen Magerquark verloren  zu  haben scheinen) werden nun diese Quoten wieder gefordert, und dass obwohl fast ausnahmslos ALLE Branchen und Sektoren von der Krise negativ betroffen sind.

Holt die Kuh vom Eis

Natürlich darf man bei aller berechtigten Kritik an den Forderungen der Milchbauern nicht vergessen, dass für viele von ihnen das Ausbleiben staatlicher Hilfe früher oder später  tatsächlich den Verlust des Arbeitsplatzes bedeuten könnte. Und der Fortbestand des Hofes beeinflusst natürlich auch das Wohlergehen ihrer Familien, ja teilweise sogar ganzer Dörfer. Jedes einzelne Schicksal muss daher ernst genommen werden und mit Respekt begegnet werden.

Jedoch verschleiern die Forderungen nach einer staatlichen Preisfestsetzung sowie der Beibehaltung der Quotenregelung die eigentlichen Probleme der Milchbauern. Während der erste Grund mit dem kühlen mathematischen Verweis ausgedrückt werden kann, dass es einfach zu viele Milchbauern mit zu vielen Milchkühen gibt, hat das andere Problem mit den unterschiedlichen Strukturen auf den nachgelagerten Märkten zu tun. Vereinfacht ausgedrückt, sieht sich nämlich eine große Anzahl relativ kleiner Milch produzierender Bauern einem konzentrierten Anzahl an Molkereien und Einzelhandelsketten gegenüber, die aufgrund ihrer oligopolistischen Stellung einen klaren Verhandlungsvorteil besitzen. Doch dies ist auch für andere Sektoren nicht unüblich und eine staatliche Einmischung, die über die Missbrauchsaufsicht hinausgeht, erscheint gesamtvolkswirtschaftlich kaum sinnvoll.

Eines ist jedenfalls gewiss. Weder die EU noch Deutschland brauchen sich vorhalten lassen, dass sie zu wenig tun den Sektor am Leben zu halten. Im Gegenteil: So bekamen die Milchbauern bereits im Jahre 2003 Zahlungen, die einen vermuteten Preisrückgang, der jetzt erst eingetreten ist, kompensieren sollten. Die deutschen Milchbauern erhalten so eine Milliarde (!) Euro zusätzlich im Jahr. Doch damit nicht genug. Allein in diesem Jahr kaufte die EU bereits 203000 Tonnen Milchpulver und will weiter Zigtausende von Tonnen an Butter aufkaufen um die Preise zu „stabilisieren“. Kurz vor der Bundestagswahl (was bestimmt nur ein Zufall war) kamen die Milchbauern dann in den Genuss, staatlicherseits verbilligte Kredite erhalten zu können, und noch mehr steuervergünstigten Diesel tanken zu dürfen (Kosten: 500 Millionen Euro).

Wer diese Kosten trägt ist dabei auch klar. Das sind die zirka 99.65% der deutschen Bevölkerung, die keine Milchbauern sind, diese aber sowohl als Steuerzahler als auch an der Kasse im Supermarkt unterstützen (müssen).

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Milchkuh mit überzüchtetem Euter

Während die Liste der direkten oder indirekten Subventionen an die Milchbauern noch endlos weiter ausgeführt werden könnte, möchte ich auch ein beruhigendes Beispiel dafür geben, dass die Politik zum Glück zumindest nicht sämtliche Forderungen der Milchbauern auch noch verwirklicht. So konnte sich der deutsche Bauernverband nicht mit seinem (ernst gemeinten) Vorschlag durchsetzen, Steuergelder zu verwenden, um anderthalb Millionen gesunde Milchkühe zu schlachten und auf diesem Wege „aus dem tiefen Tal wieder herauszukommen.“

Wieso sieht denn die Politik nicht ein, dass man Strukturwandel nicht auf ewig wegsubventionieren kann? Anstatt Milliarden und Abermilliarden an Steuergeldern in einen Sektor zu pumpen, der bereits so produktiv und effizient arbeitet, dass er diese immensen Angebotsüberschüsse erzielt, die das Problem des Perisverfalles doch schließlich ausmachen, wäre es doch wirklich für alle besser, der Realität ins Auge zu schauen, und sich einzugestehen, dass es so nicht weitergehen kann.

Natürlich hätte das für viele Milchbauern die traurige Konsequenz traditionsreiche und Generationen-übergreifende Höfe aufgeben zu müssen. Doch könnte man dieses Opfer durch finanzielle Transfers zumindest etwas aufwiegen und ihnen durch Umschulungsprogramme Perspektiven für wirklich zukunftsträchtige Berufsfelder eröffnen.

Der schreckhafte Blick auf die deutsche Kohlepolitik der letzten Jahrzehnte zeigt jedoch eindrucksvoll wie ausdauernd Politiker sein können, wenn es darum geht Strukturwandel auf Kosten der Allgemeinheit (und zur Sicherung der eigenen Wiederwahl) künstlich hinauszuschieben. Zur Erinnerung: Zu Spitzenzeiten in der Kohlepolitik wurde jeder einzelne Kumpel mit umgerechnet 71.000 Euro pro Jahr subventioniert…



  1.   Bauer sucht Frau sagt:

    Letztes Jahr habe ich zeitweise 77 Eurocent pro Liter für das weiße Gold gezahlt.
    Jetzt sinds wieder faire 49.

  2.   Bauernmelker sagt:

    Ich bin sehr gerne bereit auch noch mehr für einen Liter Milch zu bezahlen-der jetzige Preis ist absuer, vergleicht man ihn bspw mit dem Bierpreis oder anderem.
    Auch muss ich Herrn Fahim in seiner Schlussfolgerung zustimmen- die zwar für den jeweiligen Bauern eine Katastrophe ist, aber nun einmal der Realität entspricht: Jungs,Bauern- war schoen mit euch, aber so geht es leider nicht weiter…Wir werden andem einen ider anderen Bauernopfer einfach nicht vorbeikommen

  3.   Ziegenhirt sagt:

    Also eines ist doch allen Parteien klar: So wie es jetzt läuft kann es nicht weitergehen. Weder die Bevölkerung, die den ganzen Spaß letztendlich bezahlen muss, noch die Politik, die ihre Subventionen immer wieder rechtfertigen muss, noch die Bauern selbst, die unter den jetzigen Umständen zu leiden haben, können sich ernsthaft eine Fortführung heutiger Verhältnisse wünschen. Die Lösung ist simpel jedoch schmerzhaft. Wie heißt es so schön: “ Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“ Allein die Ankündigung einer Deregulierung des Milchmarktes könnte zu einer Verbesserung der Lage führen. Klar, einfach ist die Sache nicht – vor allem wenn man an die vielen Bauern denkt die dadurch arbeitslos werden und ihre Existenz aufgeben müssen – aber das Leben ist nun mal nicht fair. Unternehmer in anderen Branchen müssen oftmals genauso um ihr Überleben, um ihre Existenz kämpfen und fürchten. Bei ihnen kommt jedoch nicht der Staat um die Ecke und knallt einen riesigen Sack Geld auf den Tisch (Ausgenommen die Rettungspakete für „systemimmanente“ Banken).
    Hört auf zu jammern und entscheidet Euch für den Wettbewerbskampf (durch produktive Konzepte, die der Konkurrenz überlegen sind) oder seit realistisch und verkauft was zu verkaufen ist und fangt von Vorne an! Klingt hart – ist aber so!

  4.   Ali Daei sagt:

    Ich finds nicht Ok, dass hier niemand unter seinem richtigen auftritt. So kann ich nicht diskutieren.

  5.   Bauernmelker sagt:

    Sehr geehrter Herr Daei,

    Schoen,was sie so alles nicht OK finden. Ich habe ihren Post nun einige Male gelesen, aber leider keinen Ansatz erkennen können, der darauf schliessen lassen koennte, dass sie überhaupt gewillt sind zu diskutieren. Vielleicht liegt das aber auch einfach daran, dass ihr Spezialgebiet- und ihr Herzblutthema- nun einmal der Kampf ums Leder und nicht der Kampf um die Vorstufe davon-die :uh- ist. Ich faende es daher sehr hikfreich,wenn sie etwas zum Thema Beiträgen wuerden, oder sich einfach wieder auf Heise.de zurückziehen wuerden.

    Im übrigen: Warum wollen Sie den nicht mit nicknames diskutieren?Ich hoffe doch einmal schwer,dass ihnen die Vorzüge einer pseudonymisiert (-mit pseudo kennen sie sich doch aus,oder?) geführten Diskussion bekannt sind. Sollte dieses nicht der Fall sein, so empfehle ich ihnen die Lektüre eines Kapitels zur Meinungsfreiheit in einem Grundgesetzkommentar ihrer Wahl.

  6.   Bauer sucht Frau sagt:

    Bitte ausfüllen:

    Ich finds nicht Ok, dass hier niemand unter seinem richtigen [..bitte einsetzen..]auftritt. So kann ich nicht diskutieren.

    Dann könnten die gewillten Diskutierer auch angemessen reagieren.

  7.   Circusdompteur sagt:

    gerade läuft auf Phoenix eine Reportage (”vor Ort”) über Milchbauern, ihre Proteste und allem drum und dran. Nur kritisch äußert sich keiner.

    O-Ton Präsident des Deutschen Bauernverbandes: “Subventionen können niemals kompensieren, was der Markt an Schäden verursacht.”

    ..auch schön…

Siehe auch: