Wenn Superman sich bewirbt…

September 15th, 2009

     aus: Karicatoon 2009. Espresso Verlag.

aus: Karicartoon 2009. Espresso Verlag.

Wenn man bei google den Begriff „Lebenslauf“ eingibt, so liefert einem die Suchmaschine derzeit weit über 5 Millionen Ergebnisse. Ein schier endloses Angebot an Tipps und Tricks für die individuelle Anfertigung eines erfolgversprechenden Curriculum Vitae. Doch all diese Anleitungen und Vorgaben können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Standard-Lebenslauf doch häufig den gleichen Mustern folgt.

So wird das Erasmusjahr in Salamanca, in dem man kaum mehr als zwei Vorlesungen die Woche komplett und nüchtern miterlebt hat, gerne als wichtige akademische und kulturelle Erfahrung hervorgehoben. Quasi als Nebeneffekt hat man sich dabei auch die so wichtigen „hervorragenden“ Fremdsprachenkenntnisse angeeignet – obwohl man eigentlich fast nur mit den anderen Deutschen, Amerikanern und Italienern verkehrt hat und, bis auf mit der netten Köchin in der Mensa, kaum je ein Wort Spanisch gesprochen hat.

Da – neben dem vorausgesetzten Englisch – eine dritte Sprache nötig geworden ist, greift man gerne auf die 2 Jahre Französisch in der Schule zurück. Bei der Einschätzung taucht dann die Frage auf ob man dieses Schulfranzösisch, mit dem man zwar gerade einmal so einen café au lait auf der Champs Elliseé bestellen kann, aber das nicht ausreicht, um sich danach über die astronomische Rechnung zu pikieren, mit „Muttersprachliches Niveau“ oder doch nur mit „sehr gut in Wort und Schrift“ titulieren solle.

Soziales Engagement? Natürlich wird dieses mittlerweile von den Mitarbeitern der Personalabteilungen erwartet und so kommt es, dass die einmal in der U-Bahn gekaufte Obdachlosen-Zeitung, gleich im Lebenslauf mit „Ehrenamtliches Engagement zum Wohle von Bedürftigen und zur Hilfe deren tägliche Lebenssituation zu verbessern“ vermerkt wird.

Auch Sport ist wichtig, hört sich gut an und sollte daher in keinem Lebenslauf fehlen. Genauer gesagt: eine Teamsportart, die die eigene Teamfähigkeit unterstreichen soll und eine Ausdauersportart (am besten man bezeichnet sich gleich als ehrgeizigen Marathon-Läufer), um eindrucksvoll zu zeigen, dass man bereit ist hart und beharrlich zu arbeiten, um sein gesetztes Ziel zu erreichen.

Abschließend noch den Strandurlaub am Plattensee mit Abstecher nach Budapest als die obligatorische Weltreise mit Rucksack verkaufen und als Hobbies Lesen und Architektur angeben… Fertig ist der perfekte Lebenslauf.

Gewiss, all diese Beispiele sind bewusst übertrieben, jedoch drängt sich in der Tat der Eindruck auf, dass häufig Wunschvorstellungen und taktische Überlegungen anstatt einer realistischen Selbsteinschätzung die eigenen Fähigkeiten beschreiben.

Der Ehrliche ist der Dumme?

Es scheint, dass der Verfasser eines Lebenslaufes in einer „systemischen“ Falle sitzt: Wie viel Ehrlichkeit kann gewagt werden um authentisch zu bleiben aber dennoch zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden? Die Abwägung ist ebenso schwierig wie heikel, da sie ja stark vom vermuteten Verhalten der anderen Bewerber beeinflusst wird.

Natürlich geht es beim Bewerbungsschreiben, in dem ja der Lebenslauf einen entscheidenden Teil bildet, darum seine Stärken herauszustellen, sich selbstbewusst  und motiviert zu präsentieren sowie zu zeigen, dass man zu dem Unternehmen passt bei dem man sich bewirbt.

Und absolut unbestritten bilden der Lebenslauf und die weiteren Bewerbungsunterlagen oft die Grundlage auf derer entschieden wird, ob man zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird oder nicht. So wichtig das ist, der Lebenslauf sollte dennoch nicht darin münden, reine Propaganda in eigener Sache zu betreiben.

Ich würde natürlich nicht so weit gehen zu behaupten, dass der Lebenslauf als Plattform für vorsätzliche Lügen oder unsachgemäßer Hinzufügungen genutzt wird, jedoch würde ich mich zu der Aussage hinreißen lassen, dass Schönfärberei durchaus in erheblichen Maß als stilistisches Mittel beim Verfassen des Lebenslaufes genutzt wird. Daher trage ich den Apell nach mehr Ehrlichkeit hinaus an alle Personaler und alle Bewerber den Mut aufzubringen, realistische und selbstkritische Lebensläufe zu würdigen bzw. zu verfassen.

Denn wäre nicht allen geholfen, wenn wir alle einen Gang runter schalteten und uns wieder trauten eine realistische und kritische Selbsteinschätzung im Lebenslauf abzuliefern?
Wäre es nicht auch weiterbringender für die Personaler, wenn sie nicht hinter jeder positiven Angabe zu Sprach- oder EDV-Kenntnissen Schönfärberei vermuten müssten?

Und würden die Chancen nicht für jeden gleich bleiben, wenn alle den alleinigen Maßstab der Ehrlichkeit als Bewertungskriterium anwendeten?

Wahrscheinlich…, doch da man sich lieber nicht darauf verlassen will, dass alle anderen Bewerber sich auch selbstkritisch bewerten, wird das Spiel wohl weitergehen…



  1.   M.L. sagt:

    stimmt genau, keiner traut sich, das „Spiel“ wird wohl wirklich weitergehen…

  2.   Horst Gurke sagt:

    ich war höchstens 2 mal im kompletten Erasmus-Jahr nüchtern in der Vorlesung … 😉

  3.   phizzle sagt:

    Was soll denn der Quatsch mit Salamanca? Diskriminierend ist sowas. Mir hat man berichtet, da seien alle ganz fleißig!

    Warum haben Sie nicht – sagen wir – z.B. Buenos Aires als Beispiel angeführt?

  4.   phizzle sagt:

    Wollte noch sagen, dass ich Personen kenne, die den Lebenslauf tatsächlich als Plattform für vorsätzliche Lügen nutzen…

  5.   Ali Mohammed Hussein Daei sagt:

    also das wirft doch viel mehr die Frage auf inwiefern ‚Ehrlichkeit‘ ein absolutes Ideal darstellt.

    Sicherlich ist ausgehend davon deine Kritik völlig einleuchtend.

    ABer Gegenfrage: Wenn ich ganz ‚ehrlich‘ bin ist die Jogginghose die in genau diesem Moment trage, während ich meine Eier kraule und gleichzeitig diesen Kommentar verfasse das ‚ehrlichste‘ Outfit, das ich besitze, da es am weitesten meine Person widerspiegelt wenn ich ohne die Eitelkeiten der Außenwelt existiere. Das lässt doch im selben Maße die Vermutung zu, dass es ‚falsch‘ wäre ein Hemd zum Bewerbungssgespräch anzuziehen, oder wenn meine Oma zu Besuch kommt.: Ist dies dann einem jedem vorzuwerfen? Ist ‚Ehrlichkeit‘ in diesem Sinne überhaupt möglich, oder bleibt in seiner Konsequenz nichts zwingend immer ein Rest von Verlogenheit.

    Zu ende gedacht: Wer zur Hölle sind wir überhaupt???

  6.   phizzl sagt:

    DU, lieber Ali, bist übrigens genau die Person, auf die ich mich bei meinem Kommentar zur vorsätzlichen Lüge bezog.
    Ich sage nur Französisch und so.

    Aber Fakt ist wohl auch, dass uns – sollten wir alle der Ehrlichkeit freien Lauf lassen – keiner mehr einstellen würde….

  7.   Soraya Daei sagt:

    Also das war ja mal überhaupt keine Anwtort auf meine Frage.

    Dass uns dann keiner mehr einstellen würde zeigt ja nur wie etabliert das System ist.

    Fraglich ist doch vielmehr, ob dieses System nicht seine Berechtigung hat. Ich denke es ist nicht zu verurteilen solange es schlichtweg etwas widerspiegelt was durch ein menschliches Miteinander der Gesellschaft zwangsläufig entsteht, undzwar: Das Bedürfnis nach Identifikation, sich in einer Gesellschaft oder Gruppierung durch eigene Lebensentscheidungen zu etwas zu bekennen. Wenn man so will: Eitelkeit.

    Meiner Meinung ist das Bewerbungssystem wie es heute existiert nicht mehr als das.

    Vorsätzliche Lügen sind natürlich zu verurteilen. Aber wenn jemand ein Jahr in Salamanca war und gesoffen hat, dann hat er doch zweifellos und tatsächlich einen Schritt getan, den andere nicht wagen. Das ist doch anerkennenswert und auch nachweisbar. Ob das dann ‚Auslandsstudium‘ oder ‚Studies of International Relations‘ heißt ist doch eine unerhebliche Nuance. Der Kern bleibt wahrhaftig. Das selbe gilt für Französischunterricht.

  8.   173022 sagt:

    Vorab @ Ali Daei:
    Es ist richtig, dass wir nicht in der Lage sind den ganzen Tag über absolut ehrlich und aufrichtig zu sein. Konsequenterweise müsste man dann ja auch der Oma wahrheitsgemäß antworten, dass man grad keine Lust darauf hat ihr über die Straße zu helfen. Man würde wohl auch ein eher einsames Dasein fristen, wenn man auch die ganze Zeit ungefiltert ehrlich zu seinen Freunden ist.
    Aber das bestreitet ja auch niemand und darum im geht es in dem Artikel doch überhaupt nicht.
    Vielmehr geht es um die ob das etablierte System tatsächlich seine Berechtigung hat. Ich wage da zu bestreiten, weil die eigenltichen Fähigkeiten des Bewerbers hinter dessen Möglichkeit zur Selbstinszenierung treten. Somit scheint es fraglich, inwieweit daher tatsächlich der objektiv fähigste Bewerber den Job bekommt.
    Gewiss, wird wohl keiner nur wegen seines CV eingestellt und spätestens im Vorstellungsgespräch werden die allzu plumpen Übetreibungen (hoffentlich) entlarvt. Doch damit ist dem ehrlichen, sprich: selbstkritischen Bewerber nicht geholfen, da er ja noch nicht mal zum Bewerbungsdespräch eingeladen wird.
    Ich kritisiere an diesem System, dass es einem von vornherein die Möglichkeit nimmt, ehrlich zu sein…

  9.   phizzle sagt:

    Hhhmmm,
    also ich muss ja sagen, dass ich es gar nicht so schlimm finde.
    Schließlich heißt es ja Bewerbung. Sprich, man soll sich ja auch anpreisen, eben gerade damit die auf einen aufmerksam werden oder man aus der Masse heraussticht (wie Weihnachtsplätzchenbäcker….). Wie Nr. 1730034882058 vor mir aber schon richtig gesagt hat, werden die (falschen) Eitelkeiten ja dann beim Bewerbungsgespräch über den Haufen geworfen. Aber da muss man eben erst mal hinkommen. Und das geht eben mit schonungsloser Ehrlichkeit oder Selbstkritik eben nicht.
    Man kann ja schlecht in seinen CV schreiben: ach naja, ich hatte zwar mal bisschen 5 Jahre Französisch, aber eigtl find ichs scheiße und hab auch alles vergessen. Wenn ich das 5 Jahre gelernt habe, dann schreibe ich das halt auch dahin. Und man kann auch nicht schreiben: meine Stärken sind blablabla… und meine Schwächen sind, dass ich manchmal zu zögerlich bin oder auch mal keinen Bock habe zu arbeiten und mit Kritik nicht immer gut klarkomme. Genausowenig wie das beim Personaler ein Freudestrahlen hervorrufen würde, wenn ich hinschreibe, dass meine Hobbies mit Freunden abhängen, Party, chillen und manchmal einen stonen sind oder weißdergeier. Da schreibt man halt Kultur, Musik, Literatur, Fotografie und Obdachlosenbetreuung hin…

    Ich denke aber auch, dass die Personaler auch genug Realitätssinn und Erfahrung haben, so eine Bewerbung auf das zu scannen, worauf es am Ende tatsächlich ankommt und Schönfärberei oder Übertreibungen auszublenden oder nicht (weder sonderlich positiv noch negativ) zur Kenntnis zu nehmen.
    Die wissen doch wie das läuft und die haben sich ja auch mal selbst beworben. Die schauen halt, ob man fremdsprachlich bisschen begabt ist, seinen Horizont erweitert hat (und dafür reicht eben auch ein versoffenes Jahr in Salamanca) und irgendwie interessiert und engagiert rüberkommt.

    Lustig sind die maßlosen Übertreibungen oder Phantastereien in Bewerbungen allemal. Falls jemand paar Tipps für mich hat, ich könnte sie gebrauchen (dabei schiele ich insbesondere Ali an….).

  10.   phizzle sagt:

    UND das wichtigste Element der Bewerbung, auf das es letztendlich ankommt und das dieses komische System auch rechtfertigt, ist ja nun doch, dass man denen zeigt, dass man sich selbst etwas zutraut und sich VOR ALLEM selbst gut verkaufen kann!
    Man betreibt ganz einfach Marketing in eigener Sache.
    Und vermutlich besteht Marketing ja immer zu 50 % aus „Lügen“….

  11.   Ali Daei sagt:

    zu Punkt 1: Dass hier nicht für absolute Ehrlichkeit im Sinne der Oma plädiert wird habe ich mittlerweile auch dem ‚um was es geht‘ des Autors entnommen und somit sind wir dahingehend alle einer Meinung. Da hab ich schneller geschrieben als gelesen.

    zu Punkt 2: Ich glaube, auch dass das die zentrale Frage ist: Inwiefern tritt die Möglichkeit objektive Befähigung zu messen hinter der Selbstinszenierung zurück.

    Dafür sprechen, könnte die veränderte Wahrnehmung der Arbeitgeber. Viel stärker dagegen spricht jedoch, dass ein dicker Po auch im kurzen Rock ein dicker Hintern bleibt. Sprich: Wenn ich im Ausland war, war ich im Ausland. Wenn ich 14 Punkte im Nebenfach Rechtswissenschaften erlangt habe, dann ist das unumstößlich. Wenn ich 7 habe ebenso. Daher mein Standpunkt: In diesem Land bekommen immernoch die objektiv befähigsten Mitarbeiter den Job.

    Natürlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Selbstinszenierung eine gewisse Veränderung der Wahrnehmung der Arbeitgeber bewirkt, jedoch ist meiner Ansicht nach diese geringe ‚Verschönerung‘ an sich eine Fähigkeit die in gewissem (natürlich nur geringen) Maße anerkennenswert ist und auch in den ‚Entscheidungstopf‘ gehört. Ich denke, über dieses Maß hinaus spielt es in dem ‚System‘ auch anerkanntermaßen keine Rolle.

    MfG
    AD

  12.   Ali Daei sagt:

    ..meine Antwort bezog sich übrigens nur auf die Ausführungen von R2D2 aka 173022173022173022 und nicht auf das Gebrabbel von diesem ‚phizzle‘.

  13.   173022 sagt:

    1. Weihnachtsplätzchenbäcker??? Herr Phizzle, ist das Ihr Plan sich mit dieser Angabe für einen Vosrtandsposten eines DAX-Konzern zu bewerben?
    2. 15 Punkte
    3. Ich bleibe dabei: Ball flach halten. Wenn ich kein Wort französisch spreche, dann ist die Hervorhebung, dass man es 5 Jahre gelernt hat im Grunde überflüssig und irreführend. Trotzdem schafft man es mit dieser Angabe 5 (in dieser Hinsicht) verlorene Jahre, so umzudeuten, dass im Ergebnis jeder positive Sprachkenntnisse erwarten wird.
    Natürlich sollte man nicht gleich seinen kompletten Schwäche- und Ängste-Katalog im CV präsentieren, aber wenn die Personaler, so viel Erfahrung und Realitätssin haben (wovon ich übrigens auch ausgehe), dann macht das die gängige Selbstinszenierung doch unnötig – ja geradezu absurd.
    Ich bin fest davon überzeugt, dass bei den meisten -trotz des Verzichtes auf Eigenpropaganda- noch sehr viel Positives im Lebenslauf übrigbleiben wird.
    Unbestritten unterliegt auch die Selbsteinschätzung subjektiven Kriterien und daher würden auch „ehrliche“ Lebensläufe nicht ohne weiteres miteinander vergleichbar sein. Jedoch würde zumindest der vorsätzliche Übertreibungswettbewerb eingeschränkt.
    So wichtig es ist sich gut präsentieren zu können (und zwar privat und auf beruflicher Ebene), darf es nicht eine realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten behindern.
    Seine Stärken kennen, sich seiner Schwächen bewusst sein und dies auch ehrlich kommunizieren zu können sind doch die wirklich nachhaltigen Werte, mit denen ein möglichst effizientes Arbeiten gewährleistet werden kann.

Siehe auch: